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Lieber Thomas!
Diese Anrede ist entweder vielsagend oder nichtssagend,
lassen wir es offen, jedermann möge es selbst
erfühlen, oder erahnen, wie es sein soll. Entscheidend
ist nur, daß ich einen langen Brief an Dich schreibe, in
dem ich unsere 17jährige Freundschaft ins Gedächtnis
zurückrufe.
So beginnt das Buch Gerda Maleta, Seteais, Tage mit Thomas Bernhard,
herausgegeben von Richard Pils 1992, Bibliothek der Provinz, A-3970 Weitra,
ISBN 3 900878 88 9, printed in Austria by Denkmayr, A-4223 Katzsdorf,
auf Seite sieben.
Ohne viel Umschweife rede ich Dich ab jetzt mit dem
"Du" an. Warum wir in den langen Jahren immer beim
"Sie" geblieben sind, weiß ich nicht. War es aus Angst
voreinander? Oder wollten wir die Schranke absichtlich
zwischen uns legen? War uns wiederum diese Äußerlichkeit
nicht so wichtig? Wie es auch gewesen sein mag,
Du hattest Distanz vorgezogen, verbale wie physische,
so fanden wir uns eben auf dieser Plattform.
Dazu möchte ich auf das Personenregister in meinem im Jahre 2000
erschienenen versiegelten Tagebuch 1972,
dessen originale 501 Seiten mit über fünfhundert
textbezüglichen Beilagen, wie Briefe, Fotos, Zeitungsartikel,
Telegramme und 6 Stunden Tonbandaufnahmen mit Thomas Bernhard,
von der Österreichischen Nationalbibliothek angekauft,
aber von der privaten Thomas-Bernhard-Forschung im Auftrag
Dr. Peter Fabjans bisher nicht beachtet wurde,
aufmerksam machen, in welchem Frau Gerda Maleta im
achtseitigen Personenregister jeweils mit Datum und Uhrzeit
wie folg vorkommt:
Maleta, Gerda (geb. Scheid) 236, 245 f., 251, 253, 257, 303, 325 ff.,
335, 343 ff., 352 ff., 356, 359, 362, 375 f., 379 ff., 385, 392, 396, 417 f., 441 ff.,
447 f., 451 ff., 462, 468 ff., 484, 487, 498, 517 f., 542 f., 550, 555 ff., 565, 569 f.
Gerda Maleta, S.21: Solche Tagesabstecher von Deiner Arbeit gewannen immer mehr und mehr
Deine Zustimmung und Zuneigung.
Um einen plausiblen Grund für Dein Nichtarbeiten zu finden, erklärtest Du mir eines Tages fast
wutentbrannt: "Neben Ihnen kann man nicht schreiben, Sie haben 4 dkg Verstand und 3 kg Sex ..."
Mit Freuden habe ich diese Version über mich angenommen und als eine Auszeichnung meiner
Weiblichkeit verstanden, ganz im Gegenteil zu Dir, Du wolltest mich damit treffen,
verletzen und warst verärgert über die gegensätzliche Wirkung Deines Ausspruches.
Die meinem Tagebuch beigefügten Telegramme und Zettelchen erhellen die Begegnungen Thomas Bernhards mit Gerda Maleta.
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